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Raymond Federman

Fakt oder Fiktion – das ist die Frage

Raymond Federmans Konzept des „Selbst-Playgiarismus" ist literarisch längst da, wo die laufenden Plagiatsdiskurse nie hinkommen werden. Von Beat Mazenauer

Innerhalb der jüngsten Diskussionen um Plagiat und Internetkultur ist erstaunlicherweise kaum je der Name Raymond Federman gefallen. Who the fuck is Federman?, hätte dieser wohl selbst mit einem Lachen in die Kritikerrunde gerufen.
1990 hielt der amerikanische Autor mit französischen Wurzeln in Hamburg seine denkwürdigen Poetik-Vorlesungen, die wenig später unter dem Titel „Surfiction: Der Weg der Literatur" auf Deutsch erschienen. Federman erteilt darin den beiden klassischen Mythen der Literatur eine resolute Absage. Der Mythos vom Schöpfer-Autor habe ebenso ausgedient wie die Idee der Originalität. „Wir sind umgeben von Diskursen", und derart eingekesselt erfindet die auktorielle Einbildungskraft nichts Neues, sondern sie „imitiert, kopiert, wiederholt, nachhallt, vervielfältigt - mit anderen Worten plagiarisiert -, was schon immer da war". Das hat Folgen, für den genialischen Schriftsteller ebenso wie für die literaturkritischen Mandarine. Vor dem Hintergrund der Diskussionen um Helene Hegemanns Buch „Axolotl Roadkill" klingt Federmans Kritik erstaunlich prophetisch. Natürlich bestehe die Rolle der traditionellen Literaturkritik vor allem darin, schrieb er vor 20 Jahren, „die Wahrheit über die verführerische Funktiion des Schöpfers und über die Originalität des Kunstwerks zu verschleiern. (...) Solange dieser Betrug funktioniert, wird er einfach als Neurose bezeichnet, aber wenn er auffliegt, dann nennt man das Psychose." Und lapidar kommt er zum Schluss: „SCHREIBEN heisst zuallererst ZITIEREN. (...) Diese Entmystifizierung der heiligen Funktion des AUTORS und der Idee der ORIGINALITÄT deutet an, dass tatsächlich alle Schriftsteller als PLAGIATOREN bezeichnet werden können".
Man muss Federmans scharfer Analyse nicht in allen Teilen folgen - er selbst tut dies in seinen Büchern nicht. Seine „Surfiction"-Theorie bleibt dennoch bedenkenswert. Sie wirkt umso erstaunlicher, weil es sich beim 1928 geborenen Federman nicht um einen jugendlich naiven Revolteur des Internetzeitalters handelt, sondern um einen gestandenen Autor aus dem Umkreis der amerikanischen Postmoderne. Er kann ein umfangreiches Werk vorweisen kann, das er - ähnlich wie sein Freund Samuel Beckett - wechselweise in Englisch und Französisch schrieb.
Ein biographisches Ereignis spielt darin die zentrale Rolle. Es kommt in mehreren seiner Bücher zur Sprache - zuletzt in „Chut. Historie d'une Enfance" („Pssst! Geschichte einer Kindheit"). Es ist ein Jahr vor Federmans Tod 2009 fast zeitgleich auf Französisch und Deutsch erschienen.
Raymond Federman ist ein Entkommener. Das eigene Überleben schuldet er einer mütterlichen Spontanhandlung, einem skandalösen Zufall: Als am 16. Juli 1942 Gestapo und französische Polizei in Paris die Juden zusammentrieben, schob die Mutter den 14-jährigen Jungen mit einem „Pssst!" in einen Wandschrank. Vater, Mutter und die zwei Schwestern wurden in Auschwitz ermordet, Raymond Federman aber überlebte und emigrierte 1947 in die USA. „Dieses Pssst, ich habe es schon oft erzählt, war das letzte Wort, das ich von meiner Mutter gehört habe, als an jenem traurigen Julitag 1942 die Tür der Abstellkammer, in der sie mich versteckt hatte, hinter mir zuging... Pssst! Dann wirst du überleben."
Federman verankert sein Werk gleichsam an dieser zweiten Geburt. Sie bildet die erste Zeile im Gedicht „Flucht" (1957): „Mein Leben begann in einem Schrank". Die atemlose Prosa „Die Stimme im Schrank" (1979, dt. 1989) formt daraus rückblickend einen interpunktionslosen Strom von beklemmenden Gefühlen. Auch die Romane „Die Nacht zum 21. Jahrhundert" (1982, dt. 1988) und „betrifft: Sarahs Cousin" (1990, dt. 1991) rekapitulieren das Erlebte - stets unter dem Vorbehalt der Unmöglichkeit „zu beweisen, dass das, was hier wiedergegeben ist, mir wirklich zugestossen ist", wie Federman zu bedenken gab. Und zuletzt also „Pssst! Geschichte einer Kindheit", das abschliessende Puzzlestück, dass von diesem Nullpunkt aus „alles rückwärts erzählen" will, was an Kindheit im Wandschrank ausgelöscht wurde.
Das Buch setzt beschreibend ein, fragt nach dem „Warum ich?". Doch kaum damit in Fahrt gekommen, mischt sich jäh eine zweite Erzählerstimme ein: „Scheisse, Federman, wie ernst das ist..." Sein surfiktionales Alterego warnt den Erzähler vor einem „verbrauchten Realismus". Was ist Erinnerung, was historische Wirklichkeit? Raymond Federmans Texte kreisen stets um diese Grundsatzfrage. Der Erzähler beteuert seinen Lesern: „was ich euch erzähle, ist reine Fiktion, weil ich meine ganze Kindheit vollkommen vergessen habe. Sie steckt in mir fest. Alles, was ich euch sage, ist also erfunden, nur Rekonstruktion."
So blicken wir in die Untiefe seiner Prosa, die bezeugt, indem sie das Bezeugte hinterfragt. Der 14-jährige Junge trat aus dem Bauch des Wandschranks in eine völlig neue Welt hinaus. Die Kindheit blieb zerstört zurück - sie nun wieder aus dem Vergessen herauszuschälen, heisst für den 80-jährigen Federman, sie neu zu erfinden. Dies könnte mit den Mitteln eines beschönigenden Realismus geschehen, oder als ungefügter Textsteinbruch. Letzteres strebt Federman aus poetologischem Kalkül an.
Begleitet von den Einwänden des kritischen Alteregos erzählt „Pssst!" in Anekdoten und Abschweifungen eine jüdische Kindheit in der südlichen Pariser Vorstadt Montrouge. Die Verwandtschaft war weit verzweigt und verdiente durch solides Handwerk ihr Auskommen, einzig die eigene Familie bildete eine Ausnahme. Der Vater war Künstler, Spieler und Frauenheld - womit bereits gesagt ist, dass es im Hause Federman an allem und jedem fehlte. Die Mutter stopfte die Lücken, wo es ging, oft vergeblich. In diesem Umfeld wuchs der kleine Raymond als scheues, rachitisches Kind auf. So deutet es der Erzähler an.
Raymond Federman hat immer wieder bekräftigt, dass es beim Erzählen nie um die Geschichte selbst gehe, sondern um „die Art und Weise, wie ich Ihnen diese Geschichte erzähle". Genau darin ist er ein Meister. Instinktiv schreckt er davor zurück, eine Kindheit in „miserabilistischem Naturalismus à la Zola" zu erzählen, davor schützt ihn sein vorlautes Alterego, das interveniert, wenn die Erinnerung zu rund oder plakativ ausfällt. Federman zieht es vor, bloss jene Episoden zu rekonstruieren, die ungewöhnlich, lebhaft, einzigartig sind. Dafür bedient er sich auch aus eigenen frühern Texten - worauf ihm die zweite Stimme umgehend „Self-playgiarism" vorwirft. Doch der Erzähler beharrt auf der Legitimität solchen Plagierens - „der Bequemlichkeit halber und um schneller voranzukommen".
Federman ist ein listiger, gewitzter Erzähler, dem trotz beständiger Selbstreflexion immer wieder emotional anrührende Szenen gelingen. „Pssst!" ist ein einzigartiges Buch, das mit einem Lachen zu ergründen versucht, weshalb gerade er überlebt hat.

Mit dieser Kindheitsgeschichte schliesst sein Werk in einer tastenden Suchbewegung. Gewissermassen sein ästhetisches Gegenstück bildet Federmans literarisches Debüt. Der Roman „Alles oder nichts (1971, dt. 1986) entfacht ein „typographisches Gelächter", das sich der kontinuierlichen Lektüre entzieht. Der Roman verbirgt sich unter Maskeraden und Verschiebungen, er präsentiert sich als voluminöses Bildgedicht, das auf alle Fälle der „Falle der Psychologie" entrinnen will. Indem hier das Schreiben zum „Akt der Selbstreflexion" wird, regt „Alles oder Nichts" auch neue diskursive Formen des Lesens an.
Selbst wenn Federman in seinem Werk und folglich in seinen Vorlesungen umstandslos das Ende der traditionellen Erzählliteratur postuliert, ist er doch schlau und schalkhaft genug, um sich nicht widerstandslos der eigenen Norm zu unterwerfen. Er selbst habe, mutmasst er, zu schreiben begonnen, „um Geschichten zu erzählen." Seine Geschichten. Er glaubt zwar nicht an die Wirklichkeit, schreibend aber entfaltet er mögliche Vorstellungen dessen, was tatsächlich geschehen sein könnte, im Konditional der Erinnerung. „Ich habe keine Geschichte, mein Leben ist die Geschichte... Nein, die Geschichte ist mein Leben."
Vorab seine spätern Bücher regen Vergleiche mit den Filmen von Alexander Kluge an, die sich erzählend selbst reflektieren und kommentieren. Wie Kluge versucht auch Federman jedoch mit Witz zu vermeiden, dass er damit bloss langweilt. Dies gilt vorbildlich für den in Neuübersetzung erschienenen Roman „Eine Liebesgeschichte oder so was".

Seine Ausgangslage ist einfach: Moinous und Sucette stossen auf dem Washington Square aneinander: Moinous ist ohne Geld auf der Suche nach einem Job, Sucette demonstriert engagiert gegen McCarthy. Sie lächeln sich kurz zu - und werden von der Menge wieder getrennt. Am selben Abend fliegt Moinous aus seinem Zimmer, das er nicht bezahlen kann. Zwei Tage lang lebt er in hilfloser Ungewissheit, bis ihm das Glück einen neuen Job als Tellerwäscher beschert. Moinous denkt häufig an die lächelnde Blondine zurück, die ihm vielleicht hätte helfen können. Derweil schreibt Sucette an ihrer ersten Erzählung, mit der sie Schriftstellerin werden möchte. Ihre Hauptfigur Susan, die einer reichen Bostoner Familie entflohen ist, lässt sich mittellos in New York nieder, schliesst sich den Kommunisten an und verliebt sich in einen schwarzen Agitator. Auf Rat ihres Literaturlehrers führt Sucette einen zweiten Liebhaber ein, den sie nach dem lächelnden Mann auf dem Washington Square gestaltet. Sucette nennt ihn „Moinous", er ist Franzose, weil Sucette Franzosen sympathisch findet.
Hiermit freilich beginnt sich die Geschichte zu verwirren, denn Moinous und Sucette, die sich ein paar Tage später aus Zufall wieder begegnen, tragen in Wirklichkeit andere Namen - die hier keiner Erwähnung bedürfen. Nachdem sich die beiden näher gekommen sind, erzählt Sucette ihrem Geliebten von Moinous und nennt ihn nach ihrer Figur, dafür verleiht er ihr den Namen Sucette - frei nach ihrer Heldin Susan. Diese Parallelkonstruktion entlarvt Federmans Text als schillernde Realitätsmaschinerie, die sich aus all den möglichen Wendungen eine erzählenswerte Geschichte herauspickt. Federman liebt es abzuschweifen, und er hasst es, chronologisch zu erzählen. Dies wird hier auf wundersame Weise manifest, indem er die simple Basiserzählung aus unterschiedlichsten Optiken beleuchtet, sie von eigenwilligen Impulsen ablenken lässt, bis allmählich eine ganze Geschichte erahnbar wird. Am Schluss bleibt offen, was in letzter Konsequenz aus jenem Lächeln auf der Washington Square resultiert.
Raymond Federman betreibt hier ein charmantes Spiel mit zwei Liebenden im Kraftfeld von Realität und Fiktion. Gewieft spielt er mit den grammatikalischen Zeiten, so dass Tatsachen und Optionen ineinander verfliessen und die Disparität zwischen Erzähl- und erzählter Zeit einebnen. Es könnte so oder anders geschehen sein, sagen wir im Februar, oder im März. Federman misstraut allzu stimmigen Geschichten. Im Konjunktiv signalisiert er Zurückhaltung, ob sich ein Leben überhaupt erzählen lasse.
Anders betrachtet kreiert er mit literarischen Mitteln so was wie einen Hypertext, der sich wundersamerweise dennoch als vergnügliche Lektüre anbietet. Federman gelingt es brillant, die Selbstreflexivität in smarte Prosa zu verwandeln, die obendrein die eindrückliche Vorstellung eines Einwandererschicksals kreiert. Was dieser Moinous erlebt, entspringt abermals Federmans eigener Geschichte. Nicht zufällig gleichen sich ihre Lebensläufe, und ein kurzer Text im Buch „Loose Shoes" (2001) stellt die Analogie her. Moinous ist nämlich Federmans Alias für alle Fälle: „es ist bloss ein Wort, ein erfundener Name. Er bedeutet ich / wir. Übrigens ist es auch der Name auf dem Nummernschild des Autors meiner Frau. ... Moinous ist ominous."
Raymond Federman liebt das Spiel mit dem Spiel, ohne den Ernst zu verraten. Rabelais' Werke, Sternes „Tristram Shandy" und Samuel Beckett sind seine ungleichen Referenzen. „Laughterature" nennt er in „Pssst!" die Strategie, die ihm das Schreiben nach Auschwitz ermöglicht hat. „Literatur, die sich lachend selbst auslöscht, während man sie liest." Die Leser heben sie auf, indem sie dem Autor willig auf seinen sich verzweigenden Erzählpfaden folgen.

(verfasst 2010)

Angaben zu den Büchern von Raymond Federman:
- Surfiction. Der Weg der Literatur. Hamburger Poetik-Vorlesungen. Aus dem Amerik. von Peter Torberg. Edition Suhrkamp, Frankfurt 1991.
- Pssst! Geschichte einer Kindheit. Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Weidle Verlag, Bonn 2008. 204 Seiten, 23 Euro
- Eine Liebesgeschichte oder so was. [Smiles on Washington Square]. Roman. Aus dem amerikan. Englisch von Peter Torberg. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2010. 222 Seiten, 19.80 Euro

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