english
     
 

Mathias Énard: Zone

Am Ende seiner Romantrilogie „Die Ästhetik des Widerstands" lässt Peter Weiss seinen Erzähler innehalten und darüber nachdenken, wo 1945 sein Ort in der Welt sei. Wer sich jetzt nicht für eine Seite entscheide, mache sich zum „Helfershelfer der neuen Zerstörungssucht". Sich darüber bewusst werdend, fährt er fort, würde er fortan versuchen, „von den künftigen Einsichten her das früher Aufgenommne zu klären".

Rückblick und Reflexion sind auch in Mathias Énards Roman „Zone" zwei Kernelemente. Sein Ich-Erzähler versucht ebenfalls, „das damalige Ich zu verstehen" (wie es bei Weiss heißt), allerdings ohne einen klaren Standpunkt einnehmen zu können. Für ihn gibt keine solche Notwendigkeit, denn er hat sich in Kämpfe verstricken lassen, die ihn im Grunde wenig angingen und so eher Spiel als Notwendigkeit waren - ein grausames Spiel.

Der französiche Romancier Mathias Énard legt mit „Zone" sein bisher ehrgeizigstes und in Frankreich erfolgreichstes Buch vor. Das Epos erzählt und reflektiert die Kriege des 20. Jahrhunderts mitsamt ihren Wurzeln in der weiter zurückliegenden Geschichte. Im Zentrum steht der ehemalige Kroatiensöldner und französische Geheimagent Francis Servain Mirković, der in Mailand den Zug besteigt, um einen mysteriösen Aktenkoffer nach Rom zu bringen. In ihm liegt sein Vermächtnis: Zeugnisse von Kriegsgräueln und deren Tätern, die er während Jahren akribisch zusammengetragen hat. In Rom will er den Koffer dem Vatikan übergeben und mit dem Erlös daraus ein neues Leben beginnen - mit Saschka, der stillen russischen Ikonenmalerin. Francis ist übernächtigt und unruhig. Während der Zug durch die Dezembernacht fährt, schwirren in seinem Kopf Erinnerungen, Bilder und Einfälle wild durcheinander. Dieser endlos kreiselnde Gedankenstrom lässt bald erahnen, dass auch er nicht frei von Schuld und Gewissensbissen ist. In der „Zone", Francis' Begriff für die mediterranen Schlachtfelder, hat er selbst Spuren hinterlassen, als Söldner in Kroatien, als Agent in Algerien oder als Spion im Nahen Osten. Francis weiß aus eigener Erfahrung, dass die sonnenhungrigen Touristen in dieser Zone rund um den „blauen Friedhof" (das Mittelmeer) förmlich „auf den Kadavern" von verdrängten und weiter schwelenden Kriegen tanzen.

Énards Roman ist ein grandioses, beklemmendes Erzählfresko über Hass und Rache, Nationalstolz und Vertreibung, Erinnern und Verdrängen. In einem einzigen kühnen Satz über mehr als 550 Seiten hinweg schlägt er einen Bogen von der nationalsozialistischen Judenvernichtung über die postsozialistischen Schlachtfelder bis zur ungelösten Palästinafrage und zum islamistischen Terror.

Dieses Setting verrät eine Komplexität, die es den Lesern und Leserinnen nicht leicht machen kann - und dies auch nicht will. Im Kopf von Francis verengt sich die Aufmerksamkeit auf aufwühlende Geschehnisse und Erfahrungen, für die schönen Dinge bleibt kaum Raum. So wie einst kunstbeflissene Schriftsteller à la Ruskin in Südeuropa allenthalben ästhetische Meisterstücke und landschaftliche Schönheiten fanden, erkennt Francis Servain Mirković instinktiv nur noch die Stätten des Grauens, wo Massengräber liegen, Deportationen stattfanden, Schlächter hausten, gefoltert wurde. All dies hat ihn ein halbes Leben lang beschäftigt: „...viel Geduld war nötig, bis alles zusammengetragen war, Geduld, Zeit, Intrigen, Spuren, ich durfte nicht den Faden verlieren, musste in Archiven Tausende von Akten durchforsten, Informanten kaufen". Diese Gespenster der Vergangenheit werden ihn für den Rest des Lebens weiter verfolgen.

Die „Zone", die Francis in Erinnerung ruft, kennt der Autor Mathias Énard aus eigener Anschauung. 1972 im französischen Niort geboren, studierte er Arabisch und Persisch und verbrachte mehrere Jahre im Nahen und Mittleren Osten, allem voran im Libanon und in Syrien. Wiederholt weilte er auch in Teheran. Hier begegnete er Kämpfern aus dem Iran-Irak-Krieg, deren Erzählungen 2003 Eingang fanden in den Roman „La Perfection du tir" (Die Perfektion des Schusses). Heute lebt und arbeitet Énard in Barcelona als Schriftsteller, Übersetzer und Professor für arabische Sprache.

Aufgrund solcher Erfahrungen entwickelt er in seinem Romanepos ein demonstratives Gegenprogramm zu mediterranen Reiseprospekten. Die ursprüngliche Schönheit der Mittelmeer-Region lässt sich hier nur noch erahnen, darüber legt sich eine irrlichternde Prozession von Opfern und Tätern, in welcher vage die antiken Mythen aus der homerischen „Ilias" wiedererkennbar werden. Wie diese ist „Zone" in 24 Kapitel unterteilt. Vor ihrem Hintergrund fragt Énard aus gegenwärtiger Perspektive nach dem Fortschritt der abendländischen Condition humaine in den letzten zweieinhalbtausend Jahren. Der Befund ist schnell gezogen: Das mythische Ringen zwischen Achill und Hektor setzt sich in stetig wechselnder Besetzung auf der gut mit Blut gedüngten Erde fort: „...ein Opfer, das neue Opfer erzeugt, wie wir damals in Bosnien, wie die Achäer mit den schönen Beinschienen, die Troja plünderten...". Die „Ilias" wird zur Folie einer permanenten Wiederholung, wobei „Zone" die Möglichkeit verstellt, all das nur symbolisch zu lesen. Vielmehr aktualisiert Énard die homerische Symbolik.

Francis' inneres Ringen schwankt ständig zwischen unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen, es verknüpft Mythos mit Realität, Krieg mit dem eigenen Leben, Alptraum mit Wirklichkeit: „...alles fließt ineinander, alles vermischt sich, ich verjünge mich in einem von Erinnerungen an Mariannes aufgewühlten Schlaf ich sehe ihre Wäsche wieder vor mir...". So verschmelzen Beruf und Privatheit, so kommen aber auch widersprüchliche Konflikte unvermittelt nebeneinander zu stehen. Dabei verzichtet Énard wohlweislich auf falsche Kurzschlüsse. Die Deportation von Juden und der Palästinakonflikt sind zwei in sich grauen- und leidvolle Ereignisse, die in ihrem jeweiligen Kontext Unrecht erzeugen, welches sich nicht gegeneinander aufwiegen lässt.

Im Kern geht es Énard ohnehin um etwas anderes: um das tiefer liegende Bindeglied der sich stetig wiederholenden Feindseligkeiten. Er findet es im Motiv der Rache. Die Rache für erlittene Opfer erzeugt Rache und abermals Rache.

Francis sitzt selbst auf diesem Karussell von Rache, Hass und Gewalt - in guter Familientradition. Seine Mutter war die Tochter eines kroatischen Ustascha-Schergen und selbst eine glühende katholisch-kroatische Patriotin: „...die Mütter liefern die Waffen, Thetis die Liebevolle tröstet Achilles, ihr Kind, indem sie ihm die Mittel zur Rache gibt [...] weine nicht mehr Achill, trockne deine Tränen und nimm Rache". Sein Vater dagegen schwieg bis zum Tod beharrlich über seine Erfahrungen im Algerienkrieg 1962. Francis hat sich aufgrund von Geheimdienstaufzeichnungen ein Bild dieses Schweigens zu machen versucht. Indem er sich nun nochmals seine Jugendzeit im Kreis von neofaschistischen Schlägern und Einflüsterern (Brasillach, Bardèche) durch den Kopf gehen lässt und von da abschweift zu deren Folgen, den Erlebnissen in Kroatien 1992, gibt er den Lesern allmählich die eigentliche Motivation seiner Reise preis: Er will sich von einer Last befreien.

In diesem Wunsch steckt ein zweites Leitmotiv des Romans. Énard fragt am Beispiel seines Erzählers, wo die Täter im Alltag bleiben, wenn die Kriege Pause machen. Im Gefühlschaos zwischen Krieg und Liebesleben bleibt sich Francis „selbst ein Rätsel". Vielleicht würde ihn Saschka retten - doch Stéphanie und Marianne hatten es nicht vermocht. Francis verlor sie beide, weil er sich im Frieden nicht zu beherrschen wusste, „sondern im Großen und Ganzen alle Klischees des absoluten Machos" tatkräftig bestätigte. So vertrieb er selbst Stéphanie, die vom dunklen Tier in ihm wusste und davon angezogen war.

In dieser Form ist „Zone" keine leichte Kost - doch eine lohnende Anstrengung. Énard hat sein stupendes Detailwissen über Krieg und (Un-)Menschlichkeit brillant in eine subtile, stringente Form gebracht hat. Sein Text verzichtet auf strukturierende Absätze und abschließende Punkte. Einzig die Unterteilung in 24 Kapitel setzt sichtbare Zäsuren - nebst Auszügen aus einem Buch, das Francis liest. Dennoch versteht es Énard brillant, diesen nicht abreißenden Gedankenstrom klug zu interpunktieren. Das rhyhthmische Rattern des Zuges begleitet ihn unterschwellig und verleiht ihm eine atemlose Lesbarkeit.

Was anfänglich wirkt, als ob er Konflikte und Kriege allesamt aufzählen möchte, damit keiner vergessen gehe, verdichtet sich nach und nach zu einem eng geknüpften Netz von sich wiederholenden Motiven und Anspielungen, Reflexionen und historischen Tatsachen. Das aufzählende Stakkato durchbricht Énard, indem er immer wieder breiteren Raum lässt für anschaulich und präzis erzählte Episoden, in denen sich die Grausamkeit des Krieges exemplarisch entfaltet. Zu erwähnen ist beispielsweise eine Triestiner Episode von Anfang 1945. Ein Informant erzählte Francis, wie im Hause seiner Tante, einer Frau Herzogin, anlässlich eines Festgelages die Frage aufgeworfen wurde, wie es sei, „einen Menschen zu töten". Woraufhin einer der namhaften Organisatoren des Holocaust in Polen, „Globocnik, das Schwein", die Frage mit der Festgemeinde an ein paar slowenischen Gefangenen im Keller erörterte - ohne Punkt und Komma: „...Rösener fragte wer will den Anfang machen? und eine sehr betrunkene Dame rief ich! ich!, Rösener fasste sie an der Taille legte ihr die Warre in die Hand befummelte sie dabei ein wenig sie traten an das Gitter Rösener führte ihrem Arm sie sah einen Schatten in der rechten Ecke drückte ab der Schuss hallte unter dem schönen Gewölbe der getroffene Slowene brüllte und brach zusammen bravo! bravo! noch einmal! riefen die Zuschauer".

Dieser spaßhafte Zynismus hat insgeheim auch Francis angestiftet. Anfangs der 1990er-Jahre meldete er sich aus unklaren Motiven zu den kroatischen Freischärlern. Spieltrieb war mit dabei: „...denn der Krieg war unkompliziert, männlich und machte / Spaß in einer Welt, inder / ein Mann werden / nicht erwachsen bedeutete, sondern sich zurechtstutzen". Doch der Spaß verging in Momenten des Angriffs und machte der Angst Platz, Angst vor der „Heftigkeit der Rache und des Hasses", sei es der eigenen oder der des Feindes. Énard schildert mitreißend einen Angriff auf serbische Panzer, der letztlich bloß die Niederlage verschiebt.

In Francis' Gedankengewirr taucht immer wieder demonstrativ das Motiv der Enthauptung auf: am Beispiel der enthaupteten sieben Trappisten-Mönche von Tibhirne (Algerien, 1996) oder künstlerisch in den Bildern Caravaggios. Unvermittelt kehrt die scheinbar tändelnde Leitmotivik gegen Ende ihren wahren Kern hervor: Mit dem Bajonett seines getöteten Freundes Andrija enthauptete Francis in einer persönlichen Racheaktion einen Gefangenen, der ihn dreckig ausgelacht hatte, wie er glaubte. In diesem Moment der Selbstentfremdung, ja Selbstspaltung, gipfelt das tosende Durcheinander in Francis' Kopf - und geht in Scham über.

So gelingt es Mathias Énard, den scheinbar chaotischen Gedankenstrom seines Erzählers in mäandernde Bahnen zu legen, welche die Spannung zwischen Angst und Sehnsucht für die geforderten Leserinnen und Leser erfahrbar machen. „Zone" beschreibt - in Anlehnung an Peter Weiss' „Die Ästhetik des Widerstands" - eine Ästhetik des kriegerischen Wahnsinns, der sich stetig erneuert. Widerstand ist nicht zwecklos, doch es sind wenige Lichtgestalten, die ihn leisten. Énard ruft einige von ihnen in Erinnerung, den katalanischen Dokumentaristen von Mauthausen Francesc Boix beispielsweise, oder den unglücklichen Leon Saltiel, einen jüdischen Kommunisten aus Saloniki, der sich nach dem Krieg an seinen Freunden rächte, die ihn (weshalb auch immer) verraten hatten. Auch Dichter, die der inneren Gewalt freien Lauf ließen, wie William S. Burroughs, Malcolm Lowry oder Ezra Pound, lässt Énard auftreten. Sie alle halten will- oder unwillkürlich das Karussell der Rache am Laufen.

Mathias Énard: Zone. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller.
Berlin Verlag, Berlin 2010. 590 Seiten.
ISBN-13: 9783827008862


  img/000_img_trans_pix.gif