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Dichterische Freiheit oder geistiger Diebstahl?

Der Autor Raymond Federman hat es auf den Punkt gebracht. Wir sind umgeben von Diskursen, deshalb heisse schreiben stets auch zitieren, schrieb er in seinen Poetikvorlesungen unter dem Titel "Surfiction". Dennoch bleibt die Grenze zwischen Klau und Freiheit, zwischen Zitat und Plagiat diffus und verschwommen.

Dies zeigt sich beispielsweise anhand von Eveline Haslers Roman über den amerikanischen Fluchthelfer Varian Fry: "Mit dem letzten Schiff" (Nagel & Kimche 2013). Zum einen erinnert sie an eine Persönlichkeit, die sich 1940/41 durch ihr mutiges und unkonventionelles Engagement auszeichnete, zum anderen aber beutet sie dessen eigene Aufzeichnungen höchst respektlos, man könnte auch sagen schamlos für das eigene Buch aus - OHNE die Quelle zu benennen.

Man sollte vorsichtig sein mit Plagiatsvorwürfen - eingedenk Federman -, die Übernahme von fremdem Text ohne Nennung und Quellenangabe lässt in Eveline Haslers Fall aber auf eine Aneignung schliessen, die nicht nur verschweigt, woher sie den Stoff bezieht, sondern die ihre Quelle auch aktiv zu verschleiern sucht. Da fehlt es zumindest an Respekt.
Deshalb sei hier gerne erwähnt, dass Frys Buch um Längen besser und genauer ist als Haslers verkitschter Abklatsch.

Varian Fry: Auslieferung auf Verlangen. Die Rettung deutscher Emigranten in Marseille 1940/41. Hanser Verlag, München 1986.

link Rezension zu "Mit dem letzten Schiff"
link Zu Raymond Federman
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