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1.1. Digitale Ästhetik

Surf Sample Manipulate

"Surf Sample Manipulate" hat Mark Amerika vor mehr als zehn Jahren als ästhetische Losung für die Kunst / Literatur des digitalen Zeitalters ausgegeben. Er verweist dabei auf Raymond Federmans "Surfiction"-Vorlesungen (edition suhrkamp, 1990), worin es heisst: "Wir sind von Diskursen umgeben: historischen, sozialen, politischen, ökonomischen, medizinischen, juristischen und selbstverständlich literarischen." Das Internet ist ein "pla(y)garistiches" Medium, das dazu verführt, digitale Materialien neu zu arrangieren und zu plagiieren; es folgt einer anti-ästhetischen Praxis - wie es bspw. die "Neoisten" getan haben. Im Kern bedingt diese neue Ästhetik aber Veränderungen im Bild des Autors - Stichwort: Tod des (genialisch inspirierten) Autors.

Dieser durch die neuen Medien angeregte spielerische Umgang mit den bestehenden Texten bzw. mit der Literatur hat eine experimentelle literarische Kunstform hervorgebracht: Hypertext, Hyperfiction, Netzliteratur.
link Mark Amerika: Surf Sample Manipulate
link Raymond Federman: Surfiction -- Critifiction

Hyperfiction / Netzliteratur

Digitale Literatur ist Literatur, die nicht nur auf die Kraft des Wortes baut. Farben, Bilder und Töne nehmen dem Wort die Arbeit ab und erweitern seine Ausdrucksmöglichkeiten. Interaktive Elemente spielen eine wichtige Rolle. Dabei haben sich verschiedenste Formen herauskristallisiert, etwa folgende:
Allein die Tatsache, dass zahlreiche (alte) Links auf Hyperfiction-Projekte heute nicht mehr funktionieren, signalisiert, dass es sich dabei um eine historische Kunstform vornehmlich der 1990er Jahre handelt, die mittlerweile in der Performance oder der Netzkunst aufgegangen ist. Die Hoffnungen haben sich literarisch nicht erfüllt.
link Zur Theorie der Hyperfiction / Hypertexte

1.2. Lesen & Textarchive

Lesen digital

Die Dreifaltigkeit Buch – Lesen – Literatur kennt eine klassische Ikonographie. Ein Mann oder – weit eher – eine Frau versenkt sich in ein geöffnetes Buch und koppelt sich von der Aussenwelt ab. Lesende werden zu menschlichen Stilleben, die eine nicht zu störende Selbstgenügsamkeit signalisieren. Ihre Konzentration macht sie für Augenblicke immun gegenüber äusserlichen Anfechtungen.
Diesem müssigen Tun setzt die hektische Moderne neue Bilder gegenüber. Der Mensch, der sich mit Kopfhörer oder Ohrenstöpseln von der Welt abschottet. Sowie das blass-bläuliche Gesicht, angestrahlt von einem leuchtenden Bildschirm. Beide Biider teilen mit dem klassischen Leser die Abwesenheit. Ihre Bewertung indes hat sich ins Gegenteil verschoben. Gilt die Weltabgewandtheit beim traditionellen Leser als eine erwünschte Tugend, erscheint sie beim modernen Mediennutzer als Ignoranz.

Das Lesen am Bildschirm, an einem iPad oder an einem e-Reader ist Gewöhnungssache. Was ihm an Sinnlichkeit abgeht, gewinnt es an Flexibilität und Interaktivität. In einem iPad von 700 Gramm hat eine Reisebibliothek Platz. Wer nicht so lesen will, wird e-Lesen immer unpässlich finden. Kulturelle Techniken, Strategien und Kompetenzen müssen immer wachsen.

Textbibliotheken und Medienarchive

Das Internet ist vor allem auch eine immense Bibliothek, mit einer Fülle an literarischen Angeboten. Nicht erst seit Google-Books boomen auf dem Internet die Text- und Medienarchive. Zahlreiche unter ihnen stellen gemeinfreie Werke online:
  • www.zeno.org
  • gutenberg.spiegel.de
  • gutenberg.org
  • runeberg.org
  • Gallica 2000 (der Bibliothèque Nationale),
Demgegenüber hat der globale Player Google selbstherrlich das übliche Verfahren umgedreht, und auch urheberrechtliche Werke online gestellt. Nun liegt es an den Autoren, ihre Rechte geltend zu machen.
link Das Google-Books Settlement

1.3. Schreiben am Netz

Plagiat oder Auseinandersetzung?

Das Gerangel um das literarische "Originalgenie" Helene Hegemann ("Axolotl Roadkill") und ihren eher lockeren Umgang mit den literarischen Findungen anderer hat im Jahr 2010 dringliche Fragen nach Urheberrecht und Plagiat aufgeworfen. In der geistigen Hektik ging aber vergessen, dass es dabei wesentlich (auch) um Fragen der Ästhetik geht, wie sie - bereits erwähnt - Raymond Federman und Mark Amerika reflektiert haben. Gerade davon aber war im Fall Hegemann nichts zu hören.

Gerade davon aber war im Fall Hegemann nichts zu hören. Fakt dabei ist: Ein traditionelles Buch erscheint in einem traditionellen Verlag und wird von traditioneller Literaturkritik begutachtet. Dieser Prozess steht gemeinhin für Inspiration, Autorität und Originalität. Darin liegt nun aber das Verfängnis. Playgiaristisch ein kommunes Buch zu schreiben, verstösst gegen den plagiaristischen Codex: Es unterminiert nicht das System, sondern stützt es. Das Netz als blosse Schreibhilfe, so haben es Mark Amerika und Raymond Federman nicht gemeint.
Letzteres gilt notabene auch für die Causa Guttenberg, die reines Plagiat darstellt, weil dem adligen Honoris cum laude das Netz nicht als Medium zur Auseinandersetzung diente, sondern als Steinbruch von Inhalten, die er sich aneignete, um den eigenen Namen damit zu adeln. 

Schreiben und Plagieren geraten hier also in verfängliche Nachbarschaft - keine Neuigkeit, doch nicht länger zu verleugnen. Copy / paste macht alles leicht. Zugleich ist zu betonen, dass Plagiate nirgends so leicht auffindbar sind (copy / search) wie im Internet. Bloss daran hat der Gutenbergianer Guttenberg nicht gedacht.

link GuttenPlag Wiki

Blog, Wiki, neue Tertsorten

Neue Medien erzeugen neue Textsorten. Blog und Wiki sind zwei davon. Während das Wiki als kollaboratives Schreibmedium gerne in Projektarbeiten benutzt wird, besitzt der Blog auch literarische Potenziale.

Blogs (als Zusammenzug aus Web-Log) sind Tagebücher im Internet, in denen ein Blogger Aufzeichnungen aller Art veröffentlicht. Blogs zielen in einem globalen Netz auf kommunikativen Austausch. Befreit von redaktionellen Eingriffen werden dabei jedoch gerne Wissen und Halbwissen, Informationen und Gerüchte in unstrukturierter und endlos anwachsender Weise vermischt.
Blogs sind:

  • aus individueller Optik verfasst
  • thematisch eingegrenzt
  • aktuell und flüchtig
  • chronologisch gelistet
  • mit Links ins Internet und zu anderen Blogs versehen
  • mit der Möglichkeiten, dass User Antworten oder Kommentare dazu abgeben.

Blogs können so auch als persönliches Ausdrucksmedium dienen. Eine literarische Flaschenpost, Notizen von Reisen, Kommentare zu alltäglichen Beobachtungen oder ästhetische Betrachtungen, wie Bruno Steiger in seinem roughblog auf www.roughbooks.ch

link Bruno Steigers "Letzte Notizen"
link Eine Webseite, um Blogs zu suchen

Homepage

Eine Möglichkeit, sich selbst und das eigene Schaffen ins rechte Licht zu rücken, bietet die eigene Webseite. Sie ermöglicht den Kontakt zur Öffentlichkeit, und kanalisiert zugleich deren Interesse. Sie Vielfalt solcher Seiten ist ebenso gross wie die der Schriftstellerpersönlichkeiten.
Doch nicht zu vergessen: Das Kapital einer guten Homepage ist ihre Aktualität.
link Official Website von A.L. Kennedy
link Homepage von Finn-Ole Heinrich
link Homepage von Matthias Politycki

Praktischer Ratgeber für Autoren

Mit den ganz praktischen Problemen rund ums Schreiben setzt sich ein Ratgeber auseinander, den der Autor und Medieningenieur Urs Richle für den Schweizer Autorenverband AdS zusammengestellt hat. Er will die technischen Entwicklungen der Schreibkultur mit einigen Tipps und Hinweisen ganz speziell für literarische Autorinnen und Autoren verfolgen. Der Ratgeber lässt sich auch als PDF herunterladen.
link Ratgeber Digitales Schreiben
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