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Stig Dagerman (1923 - 1954)

Der untröstliche Glückssucher

    von Beat Mazenauer

"Ich habe keinen Glauben und kann daher nie ein glücklicher Mensch werden, denn ein glücklicher Mensch darf nie fürchten müssen, dass sein Leben ein absurdes Irren auf einen gewissen Tod hin sei. Ich habe weder einen Gott geerbt noch einen festen Punkt auf dieser Erde, von wo aus ich die Aufmerksamkeit eines Gottes auf mich lenken könnte. Ebensowenig aber habe ich auch die wohlverhüllte Wut des Skeptikers, die indianische Schlauheit des Rationalisten oder die brennende Unschuld des Atheisten geerbt. Ich getraue mich daher nicht, Steine zu werfen nach ihr, die  an Dinge glaubt, die mich zweifeln machen, noch nach ihm, der einem Zweifel huldigt, als ob nicht auch dieser von Dunkel umgeben sei. Der Stein würde mich selbst treffen - denn von einem bin ich fest überzeugt: dass das Bedürfnis des Menschen nach Trost ohne Mass ist. Ich selbst jage nach Trost wie ein Jäger nach dem Wild."

1952 waren diese Sätze in der schwedischen Illustrierten "Husmodern" (Die Hausfrau) zu lesen. Sie waren Teil eines ungewöhnlichen Textes mit dem Titel "Unser Bedürfnis nach Trost ist ohne Mass...", und ihr Autor war der Dichter Stig Dagerman. Nicht Zuspruch oder Rat in Koch- und Kinderfragen erwartete in diesem Text die LeserInnen, sondern ein philosophisches Vermächtnis. Es mag uns heute erstaunen oder gar befremden, dass ein solcher Essay in einer Hausfrauenzeitschrift publiziert werden konnte, bei genauerem Hinsehen erscheint er hier jedoch bestens aufgehoben. Denn selten wohl ist die Lebensphilosophie eines Dichters der undankbaren und zuweilen trostlosen Wirklichkeit der "Hausfrau" derart nahe gekommen.
Wer aber verbirgt sich denn hinter diesem ungeduldigen, verzweifelten Trostsucher? Wer war dieser Jäger nach einem Vergessen, dieser "Mann des Tageslichts", wie sein Name übersetzt lautet, den es zeitlebens hinab drängte in die "finsterste Finsternis, wo es kaum mehr finsterer wird"?

Von seinen Freunden und Bekannten wird Stig Dagerman als ein scheuer, unsicherer Mensch geschildert, dem die Welt keine Heimat und die Zeit ein Gefängnis war; als ein Mensch mit zwei Seelen in der Brust, der weder zu sich selbst noch zu seiner vielgepriesenen Künstlerschaft kaum je echtes Vertrauen zu gewinnen vermochte. Er war ein Gefangener seiner existentiellen Ängste und seines radikalen Zweifels. Nur wenigen Freunden wagte er sich zu offenbaren. Fotografien von ihm zeigen ein überaus feines Antlitz mit einem klaren, doch stets etwas abwesend wirkenden Blick, den rechten Mundwinkel meist skeptisch hochgezogen, als spotte er über sich selbst.
Damit freilich ist nur die eine Seite charakterisiert, der eine Teil seines widersprüchlichen Wesens. Dagerman war ein finsterer Pessimist, brennend ungeduldig, unsicher, hart, ja oftmals geradezu selbstquälerisch, aber er war zugleich auch ein "ganz normaler, umgänglicher Mensch", wie sich seine Frau Anita Björk erinnert, "geistreich, lustig, liebevoll mitmenschlich" gegenüber seiner Umwelt (Olof Lagercrantz). Sein Freund, der Dichter Werner Aspenström nennt zu seiner Charakterisierung so widersprüchliche Eigenschaften wie "Anhänglichkeit, Treulosigkeit, Leutseligkeit, exklusiven Individualismus, permanente Gegensätze", in denen Dagerman unrettbar gefangen gewesen sei. Diese elende Dualität in seinem Wesen war das Fundament für ein bemerkenswertes literarisches Schaffen, die bewegende Stärke eines Schwachen, weil Zweifelnden.

Stig Dagerman war Schwede, ein Kind der nordischen Mittwinternacht, von Beruf Journalist und Schriftsteller, aus Überzeugung Existentialist und Anarchosyndikalist. Sein kurzes Leben zwischen 1923 und 1954 fiel in eine Zeit des Umbruchs und des finstern Pessimismus. Auch im neutralen Schweden war der Krieg nicht spurlos vorübergegangen. Gefühle der Verzweiflung und Ohnmacht griffen um sich. Insbesondere in intellektuellen, linken Kreisen trug man schwer daran, dass Schweden während des Krieges von Nazideutschland erpresst worden und die Befreiung Europas ohne ihr Zutun geschehen war. "Die Ideen des Absurden und des Existentialismus schwebten wie Pollen in der Atmosphäre" (Aspenström). Die schwedische Luft um 1945 war gleichsam imprägniert von jenem Gedanken Strindbergs, dass die Hölle nichts sei, was uns bevorstünde - sondern das Leben hier und jetzt, das jetzt Gegebene. Dieser Strindbergsche Gedanke hatte viele Anhänger, vor allem unter den Dichtern und Künstlern, welche jene  Pollen begierig in sich aufsogen. Bereits 1943 hatte sich um die Zeitschrift 40-Tal ein lockerer Kreis von Dichtern gebildet: die Fyrtiotalisten (Vierziger). Vielfach der anarchosyndikalistischen Bewegung Schwedens nahestehend, polemisierten sie vehement gegen Anpassertum und politische Blindheit des schwedischen Bürgertums. Mit ihren Werken suchten sie einen politischen und sozialen Reinigungsprozess in Gang zu setzen, indem sie sich selbst und die sie umgebende schwedische Gesellschaft schonungslos analysierten. Um zu klareren Perspektiven zu gelangen, forderte eine ihrer geistigen Leitfiguren, der Dichter und Literaturkritiker Karl Vennberg, die "Aufgabe des perspektivischen Mittelpunktes" zugunsten von Parteilichkeit und kämpferischem Engagement. Dagerman war einer der glühendsten Vertreter dieser Fyrtiotalisten.

Das Leben war für ein "absurdes Irren auf einen gewissen Tod hin", ein amoralischer Kampf ums eigene Überleben, in dem der Mensch fortwährend Schuld auf sich lade, wie es im Roman "Die Insel der Verdammten" heisst: "Verfluchte Welt, in der irgend jemand, sobald man den Fuss hebt, einen Tritt bekommt und in der, wenn man ihn niedersetzt, irgend jemand zertreten wird." Eine solche "perfekte Frevelhaftigkeit der Welt" rief bei Dagerman nach zweierlei Haltungen hervor: soziales Engagement und politischen Widerstand zum einen, die Suche nach einem unheroischen, menschlichen Trost zum anderen.

Ebenso uneinheitlich wie der Mensch Dagerman präsentiert sich auch seine Philosophie. Aus eigenem Erleben der Angst und Einsamkeit hat er einen existenzphilosophischen Gedanken entwickelt, der Anleihen bezieht von den Philosophien Kierkegaards, Sartres oder Camus. Seine Absurdität der Existenz ist allerdings keine abstrakt gedachte, sondern eine selbst erfahrene, in seiner Kindheit und Jugend begierlich in sich aufgesogene. Seine Auffassung von der Absurdität erinnert am ehesten an Camus und seinen "Mythos von Sisyphos", dessen letztes Kapitel er im Oktober 1946 in der Zeitschrift 40-Tal mit brennendem Interesse gelesen hatte. Camus' "zum Trotz" kehrt bei ihm 1947 in seinem Roman "Die Insel der Verdammten" wieder.

Dagermans philosophischer Gedanke ist weniger rigoros und abgeschlossen als jener der französischen Existentialisten, dafür zerbrechlicher, denn Dagerman kennt keine heroisch ausgehaltene Trostlosigkeit, vielmehr akzeptiert er das Bedürfnis nach Trost. Dieser ist für ihn notwendig, sei es jener falsche Trost in Form reinen Vergnügens, sei es jener "wahre" Trost, der sich in der Bewusstheit und im Schreiben findet. Trost aber auf jeden Fall.

"Ich habe keine Philosophie, in welcher ich mich bewegen könnte wie der Vogel in den Lüften und der Fisch im Wasser. Alles was ich besitze ist ein Zweikampf, und in jedem Augenblick meines Lebens tobt dieser Zweikampf zwischen den falschen Tröstungen, die sich bloss die Ohnmacht steigern und meine Verzweiflung vertiefen, und diesen echten Tröstungen, die mich hinführen zu einer flüchtigen Befreiung"; einer Befreiung im Wissen darum, "dass ich ein freier Mensch, ein unantastbares Individuum bin, eine innerhalb meiner Grenzen souveräne Person".

Stig Halvard Jansson, wie sein richtiger Name lautete, kam am 5. Oktober 1923 in Älvkarleby, einem Dorf im uppländischen Kleinbauernland, zur Welt - dem Milieu vieler seiner Geschichten. Seine Nachbarn waren  Kleinbauern, die kaum vom Ertrag ihrer   Gütchen leben konnten, Knechte und Mägde, die kaum je Hoffnung auf eine Verheiratung hegen durften, müde, abgehärmte Landstreicher. Unter all diesen Menschen verbrachte der junge Dagerman eine glückliche Kindheit, die einzige glückliche Zeit, wie er später meinte. Doch schon diese Zeit hatte einen Makel, zeigte einen ersten feinen Riss im Lebensgefüge: "Alle andern in der Welt haben Eltern. Ich habe nur Grosseltern." Stig Dagerman hatte seine Mutter nie gesehen. Unmittelbar nach der Geburt hatte sie sich in die Stadt davongemacht und war für den kleinen Stig zeitlebens verschollen geblieben: lediglich Gegenstand einer ungestillten Sehnsucht. Auch seinen Vater kannte er vorerst nicht, er lebte fernab in der Hauptstadt.

Doch die glückliche, noch unbeschwerte Kindheit auf dem Lande fand bald ihr Ende. Der Bildung auf einem Gymnasium hatte er sein Landleben zu opfern. Er musste in die Stadt, Stockholm, umziehen, zu seinem Vater. Eindrücklicher noch  wurde der Verlust seiner glücklichen Kindheit durch ein anderes Geschehen markiert: seine frühe Konfrontation mit dem Tode. 1940 stach ein Wahnsinniger den von ihm verehrten Grossvater nieder. Und zwei Jahre später starb einer seiner Freunde, als er während der gemeinsamen Winterferien in eine Lawine geriet. Stig Dagerman glaubte sich mitschuldig am Tode dieser beiden Menschen. Er fühlte sich verantwortlich, dass "so viele in meiner Nähe unglücklich werden oder getötet". Er versuchte sich darüber hinwegzutrösten und entdeckte das Schreiben. Aus dem Schmerz wurde ein neues Verlangen geboren, nämlich "Dichter zu werden, das heisst, aussprechen zu können, was es bedeutet: zu trauern, geliebt worden zu sein, einsam zu werden." Schreiben also als Trost. In "Unser Bedürfnis nach Trost ist ohne Mass..." heisst es dazu:

"Ich kann alle meine weissen Blättern mit den schönsten Wortkombinationen füllen, die sich in meinem Hirn entzünden. Da es mich doch nach einer Bestätigung sehnt, dass mein Leben nicht sinnlos sei, und ich nicht allein auf der Erde, sammle ich Worte zu einem Buch und schenke es der Welt. Zum Lohn dafür schenkt mir die Welt Geld und Ruhm und Schweigen, aber was frage ich nach Geld, und was frage ich nach meinem Beitrag zum literarischen Fortschritt - ich frage einzig nach dem, was ich nie erlangen werde: nach einer Bestätigung dafür, dass meine Worte ans Herz der Welt gerührt haben. Was bleibt mein Talent da anderes als ein Trost dafür, dass ich allein bin - doch welch fürchterlicher Trost, der mich nur die Einsamkeit in fünffacher Heftigkeit erleben macht!"

"Im besten Falle habe ich gedichtet, um etwas Befreiung von mir selbst zu gewinnen", schrieb Dagerman 1952, und seine beste Erzählung sei jene gewesen, "die während des Schreibens mich selbst am meisten vergessen machte". Jener Trost also, der im Schreiben innewohnte, war ihm mehr als nur blosse Flucht aus der Einsamkeit. Schreiben bedeutete für Stig Dagerman ganz wesentlich Distanz zu gewinnen, Distanz zu seiner Weltanschauung, seinen Schuldgefühlen, vor allem jedoch Distanz zur Rigorosität sich selbst gegenüber, zu seiner "teuflischen Krankheit, die sich in einem ewigen Hass gegen mich selbst äussert". Im Schreiben konnte Dagerman vergessen und sich aus dem Gefühl der Ohnmacht in die unvoreingenommene Schau des Lebens retten, in die Analyse der Ohnmacht der andern. Schreibend ersetzte er die Selbstpeinigung durch Barmherzigkeit und Liebenswürdigkeit. Immer wieder versuchte er so auszubrechen aus seinem Gefühl des Bedrängtseins in eine analytische Schilderung der konkreten Gegenwart, der materiellen und psychischen Nöte der Aussenseiter und Unterdrückten, der verlassenen Mütter und einsamen Kinder.

In der mitleidsvollen Schilderung dieser Menschen erbarmte er sich für einen Moment auch seiner selbst. Noch im literarischen Schaffensprozess jedoch offenbart sich die Selbstpeinigung. In seinen Erinnerungen berichtet Werner Aspenström über die Entstehung des Romans "Die Insel der Verdammten" im Sommer 1946: Dagerman weilte auf der Schäreninsel Kymmendö in der Nähe von Stockholm. Die Arbeit am Roman wollte nicht recht vorankommen. "Eines Tages verschwand Dagerman und kam am nächsten wieder, bleich, schlaff, in sich hineinlächelnd, nachdem er in einer 14stündigen Sitzung den letzten Teil seines Romans in einem Zug vollendet hatte, ohne Schlaf und wahrscheinlich auch ohne Essen; gedruckt mussten es mindestens 60 Seiten gewesen sein. Als wir uns begegneten, bemerkte er nur: 'Man braucht nicht zu ruhen'." Dieser Schaffensweise gleichen seine Texte: hektisch, sprühend, rauschhaft, unter grosser Anspannung hingeworfen, von Angst erfüllt, ohne jedoch an Präzision zu verlieren. Wie Lothar Baier 1986 in einer Rezension zum Roman "Die Schlange"  äusserte, hatte ein solches Schreiben damals noch "etwas mit Lebensgefahr zu tun, und nicht allein das Drachenfliegen".

Es wäre aber falsch, Dagermans Schreiben nur als eine verzweifelte Selbsttherapie und Flucht vor sich selbst begreifen zu wollen. Zwischen 1943 und 1946 war Dagerman Mitglied eines regen anarchosyndikalistischen Zirkels in Stockholm. Dessen Zentrum, das Klara-Volkshaus, war gleichsam seine Wohnstatt, und die "Arbeiterzeitung", als deren Kulturredaktor er 1945 zeichnete, nannte er seinen "geistigen Geburtsort". Dagerman war in jejen Jahren beseelt vom sozialen Kampf: er reaktivierte einen Jugendklub, begründete eine Schülerzeitung, verfasste und klebte Flugblätter und organisierte Demonstrationen.

In seinen ersten zwei Romanen trug dieses Engagement auch literarische Früchte. Die Energie reichte noch aus, seine Sicht der Welt als einem von Angst bestimmten, absurden Treiben um die Dimensionen des Sozialen und Politischen zu erweitern. Es fand sich noch Platz in ihnen für die Diskussion von politischen Fragen, für ein anarchistisches Bekenntnis, etwa im fulminanten Debutroman "Die Schlange": "Der Sicherheitsgewährer [der Staat, bm] aber ist partiell eine Bedrohung meiner persönlichen Sicherheit, eine physische Gefahr. Kommt hinzu, dass der Sicherheitsgewährer meine persönliche Würde verletzt, weil er meinem Willen die Integrität raubt. In den Augen des Sicherheitsgewährers ist mein Wille nichts anderes als eine Gummiblase, die an Nationalfeiertagen huldvoll aufgeblasen wird, um mir die Illusion zu vermitteln, es sei mein Wille, dem da Ausdruck gegeben wird." Mit der Stimme seiner Protagonisten ruft er auf zum anarchistischen Widerstand gegen den Staat. Er gewinnt die Einsicht, dass die Menschen durch die Angst paralysiert und so handlungsunfähig seien: "Es ist die Tragik des Menschen von heute, dass er es nicht mehr wagt, Angst zu haben. Das ist unheilvoll, weil er infolgedessen auch aufhört zu denken" - und stattdessen zu wohlfeilen Sündenböcken und Ersatzreligionen greift.

Ebenso geben auch jene Reportagen, die Stig Dagerman von einer Deutschlandreise 1946 mitbrachte, und die im Buch "Deutscher Herbst" gesammelt sind, beeindruckendes Zeugnis seines unabhängigen, anarchistischen Denkens. Vergleichbar der Position von Andersch und Richter in "Der Ruf" verurteilt er nicht bloss die alten Zustände, sondern auch das selbstherrliche Gebahren der alliierten Staaten. Er wird Zeuge, wie die Ruder dieses Landes von neuem in "zittrige Altmännerhände" geraten, die das Schiff zaudernd und zögernd in nationalistische und ideologisch dominierte Bahnen lenken, anstatt unter verstärktem Einbezug des deutschen Widerstandes eine internationalistische, sozial gerechte Perspektive zu eröffnen. Wiederum schien eine Chance vertan.
Die an Kafka (zu dessen Propagandisten Dagerman in Schweden zählte) und Faulkner geschulte Sprachkünstlerschaft, und die Diskussion politischer Ideen manifestierten sich ausgeprägter noch in seinem zweiten Roman "Die Insel der Verdammten" (1947). Die darin angelegte Konfrontation zwischen einem faschistoiden Hauptmann und einem existentialistischen Trostsucher macht ihn zum politischen Ideenroman. Der Hauptmann träumt von egoistisch-elitärer Einsamkeit und mystischer Einheit mit dem Kosmos, vor dem alle geschundenen Menschen unerheblich, ja gar verachtenswert erscheinen. Der Trostsucher und Angstseher dagegen akzeptiert auf der gottverlassenen Insel die existentielle Absurdität. Dem Credo seines Autors folgend, erkennt er zugleich, dass einzig Bewusstheit und Analyse diese Absurdität erträglich zu machen vermögen, gleichsam als eine höhere Form des Trostes. Bewusstheit und Analyse müssen Weg und Ziel zugleich sein, "die geöffneten Augen, die unerschrocken ihre entsetzliche Lage betrachten, müssen der Stern des Ichs sein, unser einziger Kompass." Obgleich das Ende nahe ist, vermag er sich als einziger noch einmal aufzuraffen zu einem "sinnlosen Widerstand gegen die Sinnlosigkeit der Welt" und so der Gewissheit der Todes für einen Augenblick zu trotzen.

"Die Insel der Verdammten" markiert Dagermans literarischen Durchbruch, bei der Kritik ebenso wie beim  Publikum. Auf einmal war er zur grossen literarischen Hoffnung avanciert. Er wurde mit Geld und Ruhm und Ehren überhäuft. Niemand erahnte, dass dieser neue Stern am schwedischen Literaturhimmel bloss eine kurz und heftig aufflackernde Sternschnuppe sein sollte. Denn gerade Ruhm und Reichtum erregten die Skepsis des Skeptikers. In dem erst posthum erschienenen Aufsatz über sich selbst, "Stig Dagerman, der Dichter und der Mensch", bezichtigte er sich des Mangels an Aufrichtigkeit: "Für wichtiger als die Wahrung eines moralischen Standards, einer streng fixierten ideologischen Position, erachtete er die Aufrechterhaltung seines ökonomischen Standards. Furcht vor zwei Dingen hat ihn dazu getrieben (...): die Furcht, einem literarischen Prestige zu schaden, just als ob nicht Aufrichtigkeit, ja Rücksichtlosigkeit die Voraussetzung sei für ein solches Prestige, sowie die Furcht, finanzielle Erträge versäumt zu haben, als ob es wichtiger sei gut denn recht zu leben". Dagerman schien erkannt zu haben, dass er fortan für Geld, um fixe Verträge und gegen die Erwartungen seines Lesepublikums anzuschreiben habe. In solcher Bedrängnis verpufften jedoch seine Kräfte. Sie reichten nicht mehr für eine engagierte, politische Dimension in seinen Büchern, für ein letztes Stück hart abgerungener Utopie, für ein Stückchen Zukunft trotzalledem. Sachte glitt er ab in eine Lebenskrise, die aber noch einmal bemerkenswerte Texte hervorbrachte.

Schreibend kehrte Stig Dagerman zurück zum Ort seiner Kindheit, dem uppländischen Kleinbauernland und wurde zum barmherzigen Schilderer des unbarmherzigen Lebens. Ins Zentrum rückten die nackte Lebensangst und die verfluchte tödliche Resignation. "Man nimmt, was man hat" lautet das traurige Motto im Roman "Schwedische Hochzeitsnacht". Wenn es überhaupt je einen Gott gegeben hat, so hat er spätestens hierin die Welt verlassen. Angst, Vereinsamung und Trostlosigkeit halten Herrschaft. Die Zwänge der Erziehung schütten das Gute in den Kindern zu und impfen ihnen stattdessen "die Angst in kleinen Dosen ein". Tief im Hals würgt der "Stein Esistegal", derselbe Stein, den Dagerman selbst zunehmends würgte. Beinahe hektisch enstanden die Romane "Gebranntes Kind" (1948), "Schwedische Hochzeitsnacht" (1949) sowie der Erzählband "Spiele der Nacht" (1947), unter ihnen einige der wohl traurigsten und illusionslosesten literarischen Texte überhaupt.

Ironie und Humor blitzen in Dagermans Texten nur selten auf. Beim Schreiben war es ihm kaum je ums Spassen zu tun. Die Versuche zur Errettung vor sich selber wurden zur Flucht. Er war sich sehr klar bewusst, dass er die Trostlosigkeit nicht heroisch aushalten konnte, sondern angewiesen war auf Trost und Vergessen. Doch je stärker der Druck von aussen wurde, desto weniger gelang diese Flucht in die Literatur, desto weniger vermochte er seine eigenen Ängste von sich wegzuschreiben. Die Lebensparalyse seiner literarischen Protagonisten begann auf ihren Autor überzugreifen. Das Leben entglitt ihm. Wohl wollte er schreiben, sich ausdrücken, Befreiung erlangen für einen Augenblick, doch es gelang kaum mehr. Das stets labile Vertrauen in seine Künstlerschaft schien zerbrochen. Der Schreibkrampf zog seine Seele zusammen. Die Realisierung seiner Ideen stockte. Sein literarisches Vermächtnis aus der Zeit zwischen 1950 und 1954 umfasst nur noch wenige grössere Texte, Aufarbeitungen alter Stoffe sowie Fragmente, unter ihnen gleichwohl aber immer noch eine Trouvaille wie "Gott besucht Newton".

"Und wenn zuletzt die Depression kommt, werde ich auch ihr zum Sklaven. Sie zu behaupten wird mein höchstes Streben, meine grösste Lust zu empfinden, dass mein einziger Wert in dem verloren Geglaubten liege: in der Fähigkeit, selbst aus meiner Verzweiflung, aus meiner Unlust und meinen Schwächen Schönheit herauszupressen. Mit bitterer Wonne will ich mein Haus in Trümmer fallen sehen und mich selbst eingeschneit ins Vergessen" -
heisst es in "Unser Bedürfnis nach Trost ist ohne Mass".

Die steten Selbstbezichtigungen und der verzweifelt stereotyp wiederholte Satz vom Leben als einem aufgeschobenen Selbstmord wiesen bereits aufs Ende hin. "Wenn jeder Trost verbraucht ist, muss man eine neue Art von Trost finden", schrieb er 1947 in einer Reportage über das verwüstete Nachkriegsdeutschland. Nun hatte er selbst von dieser Einsicht zu zehren. Autos, Spiel und Spannung, alte Leidenschaften aus früherer Zeit, traten an die Stelle des Schreibens: herkömmliche Mittel der Vertröstung also, wie sie seit je her zu "onanistischer Selbstgenügsamkeit" dienten. Pokerkarten gehörten ebenso zu seinem Anzug wie Hemd und Hose. Und noch am Tag vor seinem Tode hatte er die aktuellen Fussballresultate in sein Tagebuch eingetragen. Insbesondere aber das Auto hatte es ihm angetan. Stets standen die neuesten Modelle  in seiner Garage - ungeachtet ihres Preises. Rasante Spritztouren gehörten zu Dagermans Bedürfnis nach suspens. Wie sehr er gerade darin aufleben konnte, bezeugt eine Begebenheit, die uns Olof Lagercrantz überlieferte: auf schneenasser Strasse kollidierten sie einst beinahe mit einem entgegenkommenden Wagen. "Stig Dagerman wurde darob so ausgelassen, so vergnügt, als ob ihm irgendetwas Anmutiges und Wunderbares geschehen sei. Vorher war er mürrisch und stumm dagesessen. Aber plötzlich, wie die Katastrophe an uns rührte, verwandelte er sich, als wenn sich zwischen seinem innern Leben und dem Unfall eine Kongruenz aufgetan hätte, die er als etwas Befreiendes erlebte." Autofahren also als ein Spiel mit der Gefahr, aber auch als ein Ausdruck von "männlicher Kraft" und Sicherheit gegenüber dem fremden "Weibe".

Das Bedürfnis nach Spannung führte ihn auch ins Kino. Dagerman war ein Filmnarr, der zuweilen täglich ins Kino ging. Mit Vorliebe schaute er sich Thriller, Filme von Hitchcock an.

Wie in seinem Roman "Die Insel der Verdammten" schien die Endzeit, die Zeit der Abrechnung gekommen, nur diesmal persönlicher, ihn allein betreffend. Werner Aspenström schrieb über diese unruhige Zeit: "Ich habe nie jemanden die Post mit so nervösen Händen öffnen sehen, als erwarte er, dass der Gott, an den er nicht glaubte, ihm gleichwohl eines Tages einen Brief mit einer unerhörten und befreienden Botschaft schicken würde." Vergebens. Das Leben entglitt ihm immer mehr. Die finanziellen Angelegenheiten gerieten durcheinander. Auch seine Ehe mit der Schauspielerin Anita Björk zerbrach. In einem nie abgeschickten Abschiedsbrief an sie finden sich die Zeilen: "Ich bitte dich einzig mir zu glauben, wenn ich sage, dass ich alles nur tue, um dich von einer Bürde zu befreien, die dein Leben nur beschwert und dich in deiner wunderbaren Blütezeit erstickt haben würde. (...) Ich war nicht einen Augenblick deiner wert."

Spiel und Spannung als Flucht ins kurze Vergessen. Dagermans Einsätze stiegen kontinuierlich, die Dosen wurden betäubender. "Ich ende, indem ich ein Sklave all dieser Werkzeuge des Todes werde. Wie Hunde folgen sie mir, oder ich ihnen. Und ich glaube zu verstehen, dass der Selbstmord der einzige Beweis für die Freiheit des Menschen ist." Wie um die Grenzen seines Seins zu erproben, beging er mehrere Selbstmordversuche - gleichsam eine Versuchsreihe -, einmal aber musste die glückliche Rettung misslingen. Am 4. November 1954 wurde Stig Dagerman tot in seiner Garage aufgefunden, an den Abgasen seines Wagens erstickt. Wohl hatte er noch den Automotor abstellen können, doch die Luft war schon zu sehr mit Giften gesättigt.

Dagermans Schicksal ist bemerkenswert. Literatur war bei ihm nie blosse Attitüde, nie Koketterie, sondern getragen von verzweifeltem Lebensernst. In ihr hat er sich verausgabt und seine Selbstanalyse vorangetrieben. Seine Texte waren Mittel zur Errettung vor sich selbst, zugleich immer auch beharrlicher Kampf um Bewusstheit und gegen träge Sattheit: "Das Schlimmste am Leben ist, dass der Mensch damit zufrieden ist", heisst es in "Gebranntes Kind". Darin liegt sein Vermächtnis des Zweifels: sich regen, anstatt die Dinge nur beharrlich aussitzen zu wollen.
Stig Dagerman wollte leben wie die andern auch, aber er musste dieser Versuchung trotzen. Stattdessen legte er sich schon drei Jahre vor seinem Tod die eigene Grabsteininschrift ins Herz:

Hier ruht
ein schwedischer Schriftsteller

gefallen für das Nichts

sein Verbrechen war die Unschuld

vergesst ihn oft.

Im Jahre 1952 übrigens sah Stig Dagerman in einem Stockholmer Kino den Film "Ein Kind töten", einen Film, den der Regisseur Gösta Werner nach Dagermans gleichnamiger Erzählung gedreht hatte. Aufs Minutiöseste wird darin die Entstehung eines Autounfalles geschildert. Wie gewöhnlich war Stig Dagerman mit dem Wagen gekommen, doch wie er nach diesem Film aus dem Kino trat, liess er für einmal seinen Wagen stehen, und er kehrte zu Fuss nach Hause zurück. Für einen Moment hatte ihm die eigene Erzählung sein gefährliches Spiel bewusst gemacht.

Auch wenn Stig Dagerman zuletzt noch versucht hatte, sich einen triftigen "Grund zu leben" auszudenken und an sich und seine menschliche wie künstlerische Bestimmung zu glauben, so war dies lediglich eine Idealisierung dessen, was ihm fern und unerreichbar erschien: eine besonders ausgefallene Form des Trostes, mehr nicht. Bereits 1948 notierte er dazu: "Je unfreier und armseliger das Leben ist (...), desto stärker werden unsere Vorstellungen von einem anderen Dasein, vom Leben in Freiheit und Ehre".

Bücher

Stig Dagermans Werke gibt es auf Schwedisch in einer  Werkausgabe:
* Samlade Skrifter. Norstedts Förlag, Stockholm. <11 Bände>

Auf Deutsch übersetzt sind:
* Die Schlange. Roman. Übersetzt von Jörg Scherzer
* Die Insel der Verdammten. Roman. Übersetzt von Jörg Scherzer
* Deutscher Herbst. Reportagen.
* Gebranntes Kind. Roman
(alle Suhrkamp Verlag, Frankfurt).
* Schwedische Hochzeitsnacht. Erzählungen (Piper Verlag München, Eichborn Verlag, Frankfurt). Übersetzt von Herbert G. Hegedo
* Die Kälte der Mittsommernacht. Gesammelte Erzählungen. (Limes Verlag München)

Dagermans Biographie erzählt:
Olof Lagercrantz: Stig Dagerman. Norstedts Faktapocket. Stockholm, 1958/1985
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